Die Radiotour zwischen Sieg und Ruhr

von Till Zipprich


DXen auf dem Kahlen Asten im Sauerland (Foto: Thomas Kircher)


Seit nun mehr 15 Jahren tourt FM Kompakt regelmäßig durch die Radiowelt. Viele Regionen im In- und Ausland wurden in dieser Zeit schon bereist und die Liste der noch geplanten Reiseziele ist lang. Mit Beginn der Corona-Pandemie vor drei Jahren mussten solcherlei Aktivitäten allerdings eine Pause einlegen, doch natürlich blieben jede Menge Ideen in den Hinterköpfen, die nur darauf warteten, wieder hervorgekramt und umgesetzt zu werden.

Eine dieser Ideen war ein verlängertes Radiowochenende im Sauerland. Thomas Kircher als der „Macher“ von FM Kompakt hat persönliche Verbindungen zum Land der tausend Berge, aus dem ein Teil seiner Familie stammt und verbindet mit dieser Region selbst Radioerinnerungen, wie etwa den Empfang der ostbelgischen Privatstationen, denn das Sauerland und seine Umgebung sind voll von hervorragenden DX-Möglichkeiten, aber auch von Sendeanlagen, Funkhäusern, Radiomuseen und so weiter. Und als Ende letzten Jahres in einem WhatsApp-Chat von FMK-Lesern die Sprache auf die Empfangsbedingungen auf dem Kahlen Asten kam, war das ein willkommener Anlass, die Planungen für eine FMK-Tour ins Sauerland wieder aufleben zu lassen und an der ersten Tour nach Corona zu arbeiten. Als Termin wurde das Wochenende vor dem 1. Mai 2023 ins Auge gefasst und schnell hatten wir eine größere Gruppe von Interessenten zusammen. Nun ging es darum, ein Programm auf die Beine zu stellen, wobei uns die Sauerländer sehr entgegenkamen. Thomas meinte, er habe bei den vielen FMK-Treffen, die er bereits organisiert habe, noch selten so kooperative Gastgeber erlebt wie hier. 

Nachdem dann alle Termine festgelegt, alle Unterkünfte gebucht und alle Urlaubstage genommen waren, machten sich am Donnerstag, 27.04. Radiofreunde aus den unterschiedlichsten Richtungen auf nach Meschede, wo sich unsere ersten Ziele befanden. Zunächst sollte es zur Fachhochschule Südwestfalen und ihrem Campusfunk radioFH! gehen. Dieser Termin war mit Hilfe von Stephan Munder (Herausgeber der „Radiowoche“) noch sehr kurzfristig ermöglicht worden. Da unsere Fahrgemeinschaft bereits etwas früher in Meschede ankam, nutzten wir noch die Gelegenheit, der örtlichen Sendeanlage von Radio Sauerland einen Besuch abzustatten. Neben der noch heute in Betrieb befindlichen Anlage fanden wir dort auch einen Umsetzer aus der Zeit des Analogfernsehens vor.

Dem Bürgermeister aufs Dach gestiegen

Rechts schwach erkennbar: Die Antenne von Radio FH (Foto: Thomas Kircher)

 

Bei radioFH! angekommen, begrüßten uns Eckhard Stoll und Prof. Dr.-Ing. Stephan Breide, die beide schon seit langer Zeit die Radioaktivitäten der Fachhochschule betreuen. Anfänglich, im Jahr 2001, bestanden diese aus einem Sendeplatz im Bürgerfunk bei Radio Sauerland. Dieser wird auch bis heute bespielt. Ende 2009 nahm man jedoch auch einen eigenen UKW-Sender auf der Frequenz 94,7 MHz in Betrieb, der mit 50 W die Stadt Meschede 24 Stunden am Tag mit dem Programm von radioFH! versorgt. Die ersten Worte, die in diesem Vollprogramm gesprochen wurden, waren „Das Pferd frisst keinen Gurkensalat“, eine Hommage an die ersten Worte, die beinahe 150 Jahre zuvor von Philip Reis per Telefon übertragen worden waren.

Dipl.-Ing. Eckhard Stoll – Chefredakteur von radioFH! – präsentiert uns das UKW-Sendegebiet (Foto: Thomas Kircher)

radioFH! unterscheidet sich recht deutlich von anderen NRW-Campusradios. Das fällt allein schon bei der Musikauswahl auf. Wo andernorts Independent und Alternative dominieren, gibt es hier eine sehr oldie-lastige Musikmischung zu hören. Der Grund dafür ist die Zielgruppe, die seitens radioFH! etwas anders definiert ist als anderswo. Die meisten Studenten an der FH kommen aus der näheren Umgebung und wohnen daher eher nicht in universitätsnahen Wohnheimen, wo sie den Sender gut empfangen könnten. Dagegen kann man mit dem Programm Hörer in der Mescheder Innenstadt erreichen, die das Campusradio als eine Art Stadtradio betrachten. Insbesondere in Geschäften ist der Sender als Hintergrundbeschallung sehr beliebt, da man hier nicht befürchten muss, dass plötzlich Werbung für die Konkurrenz über die eigenen Lautsprecher zu hören ist.

Der Standort des UKW-Senders ist auch nach diesen Überlegungen ausgewählt worden. Er befindet sich, anders als bei vielen anderen Campusradios, nicht auf dem Unigelände, sondern auf dem Mescheder Rathaus. Bei radioFH! sagt man scherzhaft, man sei „dem Bürgermeister aufs Dach gestiegen“. Neben der 94,7 MHz ist man auch im gesamten Hochsauerlandkreis im Kabel auf der Frequenz 104,40 MHz zu empfangen, sowie weltweit im Internet unter diesem Link. Auch DAB+ ist bei radioFH! durchaus ein Thema.

Kooperationen mit anderen Campusradios in NRW gibt es nur sehr selten bis gar nicht. Dafür ist aber weniger die unterschiedliche Programmausrichtung, denn viel mehr eine Vorgabe des Landesmediengesetzes verantwortlich, nach der Übernahmen der Campusradios untereinander nicht zulässig sind. Ein Vorgang, der in anderen Bundesländern Gang und gäbe ist.

Prof. Dr.-Ing. Stephan Breide (links im Bild) präsentiert uns die Technik bei radioFH! (Foto: Sascha Scholz)

Eine Besonderheit der Fachhochschule Südwestfalen ist die Tatsache, dass sie über insgesamt fünf Standorte verteilt und neben Meschede auch in Iserlohn, Lüdenscheid, Hagen und Soest präsent ist. Mit dem für die Zukunft geplanten DAB+ Regionalmultiplex für die Region Südwestfalen gäbe es erstmals die Möglichkeit, alle diese Standorte terrestrisch zu versorgen und so hat sich das Hochschulradio auch beim „Call for interest“ der Nordrheinwestfälischen Landesmedienanstalt zu regionaler DAB+-Verbreitung gemeldet. Man darf also gespannt sein, was die Zukunft für radioFH! noch bereithält.

 

Lokalfunk im größten Landkreis NRWs

Besuch bei Radio Sauerland Bildmitte: Anke Gebhardt (Foto: Marcus)

 

Anschließend führte uns ein kurzer Fußweg zum Funkhaus von Radio Sauerland, wo uns die Chefredakteurin Anke Gebhardt empfing. Wir waren an diesem Tag bereits die zweite Gruppe von Besuchern, denn am Vormittag durften sich bereits interessierte Schüler im Rahmen des Girls- und Boysdays das Funkhaus besehen. Anke Gebhardt informierte uns über die Besonderheiten und Herausforderungen bei der bereits seit 1990 bestehenden Station. Als Sender für den flächenmäßig größten Landkreis in Nordrhein-Westfalen versorgt Radio Sauerland ein Gebiet, welches beinahe so groß wie das Saarland ist. Hinzu kommt, dass die Region für die UKW-Hörfunkversorgung wegen ihrer zahlreichen Berge und Täler sehr anspruchsvoll ist. Mit sieben Sendern auf sechs Frequenzen ist Radio Sauerland daher das NRW-Lokalradio mit den meisten Sendeanlagen und daraus resultierend auch das mit den höchsten Leitungskosten. Doch auch in redaktioneller Hinsicht ist ein derart großes Sendegebiet eher anspruchsvoll, insbesondere, wenn die Reporter innerhalb des Kreises lange Wege für ihre Berichterstattung zurücklegen müssen. Es ist also viel Aufwand erforderlich, doch dieser zahlt sich aus.

Foto: Peter Schwarz

Radio Sauerland ist mit einem Marktanteil von über 20 Prozent (Hörer gestern 14+ Mo-Fr laut E.M.A. 2023 I) Marktführer im Kreis und liegt mit großem Abstand vor seinem Hauptkonkurrenten, der hier nicht wie bei den meisten der insgesamt 44 NRW-Lokalradios WDR2, sondern 1Live heißt. Trotz der Größe des Sendegebiets hat Radio Sauerland im gesamten Kreisgebiet eine gleichmäßig gute Akzeptanz. Zwar ist Meschede von vielen Orten im Kreis aus gesehen weit weg und während man sich im Raum Arnsberg schon eher Richtung Ruhrgebiet orientiert, herrschen im Briloner und Marsberger Raum enge Verflechtungen in Richtung Paderborn, doch mit dem Sauerland und dem gleichnamigen Sender identifiziert sich hier eigentlich jeder.

Radio Sauerland-Studio (Foto: Peter Schwarz)

Eine weitere Herausforderung, die Radio Sauerland mit seinem großen Sendegebiet hat, sind die sogenannten Streuverluste bei der Radiowerbung. Für ein Sportgeschäft in Winterberg wäre es beispielsweise nicht lukrativ, seine Werbung über die Sender in Sundern oder Arnsberg verbreiten zu lassen. Radio Sauerland hat hier aus der Not eine Tugend gemacht und bietet als einziger NRW-Lokalsender die Möglichkeit, seine Werbeschaltungen in drei verschiedene Regionen zu splitten, wobei diese sich an den Grenzen der ehemaligen Kreise Brilon, Meschede und Arnsberg orientieren, die 1975 zum Hochsauerlandkreis wurden.

Die Zukunft des Radios sieht man bei Radio Sauerland klar im Internet. Dennoch hat man sich auf DAB+-Kapazitäten beworben. Dabei geht Anke Gebhardt nicht davon aus, neue Hörer über diesen Verbreitungsweg erreichen zu können. Vielmehr geht es darum, den aktuellen Hörerkreis zu behalten.

Aktuell sendet Radio Sauerland sieben Stunden am Tag aus dem Studio in Meschede, nämlich von 06:00 Uhr bis 10:00 Uhr sowie von 15:00 Uhr bis 18:00 Uhr. Während dieser Zeit gibt es auch Lokalnachrichten aus dem Hochsauerlandkreis. In der restlichen Zeit wird das Rahmenprogramm von Radio NRW aus Oberhausen übernommen. Weiterhin sendet auch der Bürgerfunk auf den Frequenzen von Radio Sauerland. Die NRW-Lokalradios sind gesetzlich dazu verpflichtet, Radiosendungen von interessierten Bürgern über ihre Frequenzen auszustrahlen. Ein Konzept, das es in dieser Form nur in NRW gibt und das von vielen Seiten kritisch betrachtet wurde und wird. Im Sauerland hat man aber inzwischen ein recht gutes Verhältnis zu seinen Bürgerfunkern. Mit radioFH! hatten wir am heutigen Tag schon eine Bürgerfunkgruppe aus dem Kreis kennen gelernt, eine weitere sollte zwei Tage später folgen, doch dazu später mehr.

Zu empfangen ist Radio Sauerland über folgende Frequenzen (in Klammern die Regionalisierung):

  • Schmallenberg/Beerenberg: 89,1 MHz (Regional Meschede) für Schmallenberg und Eslohe sowie Bad Berleburg

  • Marsberg/Bülberg: 94,8 MHz (Regional Brilon) Für Marsberg

  • Olsberg-Antfeld/Langer Berg: 96,2 MHz (Regional Brilon) für Olsberg, Brilon und Bestwig sowie für Büren und Rüthen

  • Meschede/Klausenberg: 104,9 MHz (Regional Meschede) für Meschede und Umgebung

  • Hallenberg/Bollerberg: 106,5 MHz (Regional Brilon) Für Winterberg, Hallenberg und Medebach sowie große Teile Nordhessens

  • Arnsberg/Schlossberg: 106,5 MHz (Regional Arnsberg) für Arnsberg und Umgebung

  • Sundern/Frickenberg: 107,6 MHz (Regional Arnsberg) für Sundern und Teile Arnsbergs sowie für Teile des Märkischen Kreises.

 


Standort Klause für Meschede und Umgebung auf 104,9 MHz (Foto: Thomas Kircher)

Die weitreichendste Frequenz von Radio Sauerland ist die 106,5 MHz vom Sender Bollerberg. Für DXer ist das Programm auf diese Weise in großen Teilen Nordrhein-Westfalens und Hessens bis in die Rhön oder den Spessart und in die andere Richtung bis in den niedersächsischen Harz zu empfangen. Ferner ist innerhalb des Hochsauerlandkreises auch ein Empfang über 107,40 MHz im Kabel sowie weltweit im Internet via www.radiosauerland.de möglich.

Nach dieser Führung durch das Funkhaus von Radio Sauerland machten wir uns auf den Weg nach Schmallenberg, wo wir für die nächsten Tage Quartier bezogen hatten. Dort ließen wir den Tag im Restaurant Stoffels ausklingen. Das leckere Essen und die gute Stimmung, wie sie eben aufkommt, wenn man mit gleichgesinnten zusammen ist, waren ein schöner Abschluss für diesen Tag und machten Lust auf mehr. 

Dieses „mehr“ kam tags darauf dann auch, und zwar dergestalt, dass wir uns gegen 09:00 Uhr am Vormittag auf den Weg in Richtung Siegen machten. Dort angekommen, statteten wir zunächst der Sendeanlage des Westdeutschen Rundfunks auf dem Giersberg einen Besuch ab. Das Auffinden des Senders gestaltete sich einfach, denn er hat der ihm zu Füßen liegenden Straße „Am Sender“ ihren Namen gegeben. Von hier aus werden die WDR-Programme, aber auch der Lokalsender Radio Siegen abgestrahlt.

Senderstandort Giersberg / Siegen (Foto: Peter Schwarz)

 

 

Kirchenfunk der besonderen Art

Die Heimat von Radio Siegen: Tiergartenstrasse 37 (Foto: Stephan Munder)

Das Studio von Radio Siegen war denn auch unser nächstes Ziel. Wir wurden auch hier vom Chefredakteur der Station, Rüdiger Schlund, empfangen, der sich darüber freute, mit uns nun die erste Besuchergruppe seit mehr als drei Jahren durch das Funkhaus führen zu dürfen. Und dieses ist in der Tat kein Funkhaus wie jedes andere. Es handelt sich um eine ehemalige Kirche, die Radio Siegen im Jahr 2017 bezog. Dieses Quartier brachte einige Herausforderungen mit sich. So kann beispielsweise das Studio aus Gründen des Denkmalschutzes hier nicht, wie bei vielen anderen Sendern, in der Mitte des Funkhauses stehen. Doch das Ambiente und die Lage des neuen Funkhauses bringen auch viele Vorteile mit sich. In unmittelbarer Nähe des Stadtzentrums gelegen, befindet sich das Funkhaus trotzdem in idyllischer Umgebung. Nicht selten können die Mitarbeiter des Senders Eichhörnchen beobachten, wenn sie aus ihren Bürofenstern schauen.

Radio Siegen hat einen der größten Marktanteile unter den NRW-Lokalradios, er liegt derzeit bei mehr als 40 Prozent. Wenn man feststellt, dass alle NRW-Lokalradios dieselbe Musik spielen und über weite Teile des Tages sogar exakt dasselbe Programm aus dem Studio in Oberhausen übertragen, wirken die teils sehr unterschiedlichen Marktanteile etwas verwunderlich. Danach gefragt, was den Erfolg von Radio Siegen ausmacht, nennt Rüdiger Schlund vor allem die Präsenz vor Ort. Das Team von Radio Siegen ist oft im Kreis unterwegs und somit nah an den Hörern. So ist der Sender im gesamten Kreisgebiet gut etabliert, auch im Wittgensteiner Land, das sich traditionell vom Siegerland abgrenzt.

Radio Siegen-Redaktion (Foto: Stephan Munder)

Um die regionale Berichterstattung noch besser zu gewährleisten, unterhält Radio Siegen als eines der wenigen NRW-Lokalradios sogar einen eigenen Ü-Wagen, der im Bedarfsfall auch als Ausweichstudio dient. Auf diese Weise ist Radio Siegen in Sachen Berichterstattung aus dem Kreis sehr gut aufgestellt, freilich besser als das Mantelprogramm von Radio NRW. Aus diesem Grund kann es vorkommen, dass die Lokalradios einen Anruf aus Oberhausen erhalten, ob sie über ein Thema von landesweitem Interesse, das sich in ihrem Kreis abspielt, einen Beitrag für das landesweite Rahmenprogramm produzieren können. Allerdings handelt es sich hierbei nur um Gefälligkeiten, die Lokalradios sind Radio NRW gegenüber nicht zum Zuliefern verpflichtet. Dafür gibt es eine Reihe anderer Auflagen, die die Übernahme von Radio NRW mit sich bringt. Von dort wird auch für die Sendezeiten, die aus den Studios der Lokalradios kommen, eine Playlist vorgegeben, aus der nicht, beziehungsweise nur nach Absprache ausgeschert werden darf.

Radio Siegen sendet aktuell Werktags sieben Stunden aus dem eigenen Studio, nämlich von 06:00 bis 10:00 Uhr sowie von 15:00 bis 18:00 Uhr. Zwischen 06:00 und 19:00 Uhr werden werktags zur halben Stunde Lokalnachrichten ausgestrahlt. Eine Besonderheit am Wochenende ist die Sendung „3 nach 10“, ein Talkformat mit Persönlichkeiten aus dem Sieger- und Wittgensteiner Land, die sonntags zwischen 10:00 und 12:00 Uhr ausgestrahlt wird. Auch Radio Siegen hat Bürgerfunk im Programm, wobei sich dessen Sendezeiten über die Jahre stark reduziert haben. Das Interesse am Medium Bürgerfunk ist zurückgegangen und somit gibt es heute nur noch zwei Bürgerfunkgruppen, die regelmäßig über Radio Siegen zu hören sind. Das Verhältnis zwischen ihnen und dem Lokalradio ist relativ gut.

Vermarktungstechnisch stellt Radio Siegen eine Art gallisches Dorf dar. Während alle anderen NRW-Lokalradios sogenannten Servicegesellschaften angehören, die sich beispielsweise um den Webauftritt oder die Werbevermarktung kümmern und teilweise auch für die Organisation von Höreraktionen zuständig sind, macht Radio Siegen all das in Eigenregie. Freilich ist das mit einem großen Aufwand verbunden, doch auf der anderen Seite ergeben sich daraus auch Vorteile. So finden die Höreraktionen von Radio Siegen so gut wie immer im Sendegebiet selbst statt, während  Hörer anderer Lokalsender gern mal bis nach Essen anreisen müssen, wo die zuständige Servicegesellschaft ihren Sitz hat. Generell legt Radio Siegen viel Wert auf Unabhängigkeit. So agierte man beispielsweise lange Zeit fast völlig autark zur Siegener Zeitung, obwohl diese direkt am Sender beteiligt ist. Inzwischen gibt es zwar immer wieder Kooperationen, auf die inhaltliche Eigenständigkeit von Radio Siegen hat dies jedoch keinen Einfluss.

Nach diesem interessanten Einblick hatte Rüdiger Schlund noch Andenken für uns parat. Einen Stoffbeutel, eine Tasse, einen Kugelschreiber, einen Notizblock mit Buntstiften und ein Feuerzeug, alles mit dem Branding von Radio Siegen. Für ihn eine Selbstverständlichkeit gegenüber Besuchergruppen, wie er sagt.

Radio Siegen-Studiotechnik (Foto: Thomas Kircher)

Radio Siegen sendet auf vier UKW-Frequenzen, von denen die 88,2 MHz die wichtigste Frequenz darstellt. Hierüber erreicht man gut 70 Prozent der Einwohner des Kreises. Die stärkste Frequenz von Radio Siegen ist die 105,4 MHz, worüber man etwa ein Viertel der potentiellen Hörer „bestrahlt“. Und das, obwohl sich der Standort des Senders knapp schon nicht mehr im Kreisgebiet befindet, nämlich auf der hohen Hessel bei Kirchhundem und somit im Kreis Olpe. Dieser ist einer von zwei Nordrheinwestfälischen Landkreisen, in denen es keinen eigenen Lokalsender gibt. Radio Siegen wird aber auch dort gern gehört. Ergänzt wird das Sendernetz um 97,3 MHz für Bad Laasphe und 98,9 MHz für Neunkirchen. Durch die Lage im Dreiländereck kann das Programm auch in Teilen von Hessen und Rheinland-Pfalz gut empfangen werden. Außerhalb des terrestrischen Verbreitungsgebiets steht ein Livestream zur Verfügung.

 

Radio und Fernsehen für Südwestfalen

 

WDR-TV-Technik (Foto: Thomas Kircher)

Nicht weit von Radio Siegen entfernt befindet sich das WDR-Studio Südwestfalen, dessen damalige Leiterin, Beate Schmies, uns persönlich in Empfang nahm. Sie stammt selbst aus dem Sauerland, war bereits seit den 80er Jahren für das Siegener Studio tätig und hat in dieser Zeit auch viel für den Hörfunk gearbeitet. Daher freute sie sich sehr über unsere Gruppe von Radiobegeisterten und ließ sich jeden von uns genauer vorstellen, bevor sie ihrerseits etwas über sich und das Studio erzählte. In der heutigen Form existiert das WDR-Studio Südwestfalen seit 1987, als man damit begann, im Hörfunk im großen Stil zu regionalisieren. Im Zuge dessen wechselte Beate Schmies, die zuvor bereits für das Landtagsstudio in Düsseldorf gearbeitet hatte, zurück in die Heimat und war dort am Aufbau der dreistündigen Morgensendung „Radio für Südwestfalen“ beteiligt. Zunächst lief diese im Programm von WDR1, ab Oktober 1991 beim damals neugeschaffenen WDR5. 1994 wurden die mehrstündigen Regionalmagazine aus dem Radioprogramm des WDR gestrichen, dafür gewann das Fernsehen immer mehr an Bedeutung. Bis heute wird hier immer Werktags die halbstündige Sendung „Lokalzeit“ produziert, die über Satelliten nahezu europaweit empfangen werden kann. Das Format, das zeitgleich aus elf Studios in ganz Nordrhein-Westfalen gesendet wird, ist die beliebteste Sendung im WDR-Fernsehen. Daneben ist das Studio Südwestfalen immer dann gefragt, wenn etwas von überregionaler Bedeutung in seinem Zuständigkeitsbereich passiert. Zum Zeitpunkt unseres Besuchs stand ein solches Ereignis an, nämlich die Sprengung der Rahmedetalbrücke an der A45 bei Lüdenscheid, die live im WDR-Fernsehen übertragen wurde. Doch auch im Radio wurde das Ereignis entsprechend aufbereitet und auch hier war das Studio Südwestfalen zuständig, wenn es beispielsweise darum ging, im Rahmen der WDR5-Sendung „Stadtgespräch“ eine Bürgerdiskussionsrunde live aus Lüdenscheid zu übertragen.

Redaktion des WDR Siegen (Foto: Peter Schwarz)

Abseits solcher Sondersendungen ist das Studio Südwestfalen immer Werktags zwischen 06:00 und 18:00 Uhr zur halben Stunde über WDR2 empfangbar. Das Format heißt seit 2016 ebenfalls „Lokalzeit“, genau wie die Fernsehsendung. Die Frequenzen, auf denen das Siegener Studio zu hören ist, lauten wie folgt:

Olsberg: 102,1 MHz

Arnsberg: 99,4 MHz

Nordhelle: 93,5 MHz

Schmallenberg: 93,8 MHz

Ederkopf: 101,8 MHz

Siegen: 97,1 MHz

Wittgenstein: 92,3 MHz

Eine Besonderheit ist der Sender Wittgenstein. Er befindet sich auf der Sackpfeife und ist identisch mit dem Sender Biedenkopf des Hessischen Rundfunks. Durch diese Lage auf Hessischem Boden ist WDR2 mit dem Studio Südwestfalen in großen Teilen Hessens und punktuell bis nach Baden-Württemberg und Bayern zu empfangen.

Das Verbreitungs- und Zuständigkeitsgebiet des Studios Südwestfalen ist vergleichsweise groß und heterogen. Es umfasst nahezu den gesamten Regierungsbezirk Arnsberg mit Ausnahme der Anteile am Ruhrgebiet, also den Kreis Soest, den Märkischen Kreis, den Kreis Olpe, den Kreis Siegen-Wittgenstein und den Hochsauerlandkreis. Ein Gebiet, in welchem sich die einzelnen Landschaften teils sehr scharf voneinander abgrenzen. Auch Beate Schmies musste als Sauerländerin im Siegerland erst einmal Fuß fassen. Es war also, als das Studio Südwestfalen auf Sendung ging, gar nicht so einfach, einen Begriff zu finden, der Sauerland, Siegerland, Wittgenstein und dem Hellwegraum, der dem Studio Siegen hauptsächlich aus frequenztechnischen Gründen zugeschlagen worden war, gleichermaßen gerecht wird. Doch der Kompromiss „Südwestfalen“ wurde gut angenommen und nicht ohne Stolz nimmt man beim WDR zur Kenntnis, dass der Begriff in der Folge auch von anderen Institutionen und Unternehmen übernommen wurde. Inoffiziell berichtet das Studio Südwestfalen manchmal sogar grenzüberschreitend. Ab und an kommen von hier auch Beiträge aus dem Hessischen Uppland, dessen Bewohner sich dem Sauerland zugehörig fühlen.

Nach diesem interessanten Ausflug in die Theorie machten wir uns nun auf, das Studio selbst genauer kennenzulernen. Frau Schmies stellte unsere Gruppe diversen Mitarbeitern vor und freute sich merklich, dass eine so große Gruppe mit dem klaren Fokus auf Radio hier vorbeigekommen war. Wir trafen unter anderem auf einen Redakteur des Fernsehens, der uns live seinen Trailer für die Übertragung der Brückensprengung vorsprach. Aber auch auf die diensthabende Nachrichtensprecherin für WDR2, die, nachdem sie etwas mit uns geplaudert hatte, eilig ins Studio verschwand, von wo aus sie dann nicht nur wir hören konnten, sondern ganz Südwestfalen. Viele der heutigen Mitarbeiter des WDR-Studios Südwestfalen hatten ihre beruflichen Wurzeln übrigens bei Radio Siegen, so schließt sich der Kreis.

Bild mit Dame: Beate Schmies mit den Besuchern von FMK (Foto: Peter Schwarz)

Wir wollen es ehrlich gestehen: Anfangs hatten wir vermutet, an einem Freitagnachmittag müsste man wohl schon dankbar sein, wenn man überhaupt eine Führung nach Schema F bekäme, und hatten angenommen, wohl kaum mehr als anderthalb Stunden beim WDR in Siegen zu verbringen. Umso positiver überrascht waren wir dann alle von dem Elan, mit dem Beate Schmies uns alles erklärte und zeigte. Für sie, so sagte sie uns, sei es immer sehr wichtig gewesen, solche Führungen anzubieten und damit Barrieren zwischen Publikum und Machern abzubauen. Diese Einstellung freute uns sehr, stehen wir doch bei unseren Planungen für Radiotouren inzwischen immer häufiger vor verschlossenen Türen.

Beate Schmies verabschiedete sich zum 31. Mai 2023 in den verdienten Ruhestand. Seit dem 1. Juni ist Christina Trelle ihre Nachfolgerin und damit Redaktionsleiterin des Landesstudios Siegen. Nach unserem Besuch hatte ich Kontakt mit Christina Trelle. Erwähnenswert, dass auch sie den Kontakt nach außen wie ihre Vorgängerin sieht: „Besucherführungen sind eine wichtige Institution, um den Kontakt zum Publikum zu halten, durch die Einblicke in unsere Arbeit zu begeistern und auch unsererseits an uns zu arbeiten“.

 

Tschingderassabum!

Reinhard Flöper - Radiomuseum Heinsberg-Kirchhundem (Foto: Thomas Kircher)

 

Es wurde nach 16:30 Uhr, bis unser Besuch in Siegen zu Ende war. Nun hieß es, sich ranzuhalten, denn für 17:00 Uhr war bereits der nächste Programmpunkt eingeplant. Es ging nach Heinsberg, einen Ortsteil der Gemeinde Kirchhundem. Hier betreibt Reinhard Flöper ein kleines, aber sehr feines Radiomuseum, auf das FMK eher zufällig aufmerksam geworden war. Reinhard (wir dürfen „Du“ sagen) ist ein echtes Sauerländer original. Früher war er als Elektriker tätig, seit 2005 sammelt er alte Radios und hat inzwischen mehr als 400 Exponate zusammen, die beinahe sein gesamtes Privathaus ausfüllen. Er freute sich sehr, dass so eine große Gruppe ihm und seinen Schätzen einen Besuch abstattete und fuhr alles auf, was er zu bieten hatte.

Die meisten seiner Radios, die sich regalweise vom Keller bis zum Dachboden stapeln, sind tatsächlich auch heute noch funktionstüchtig. Und so ließ Reinhard gleich mal etwas hören. Einige der Geräte verfügen über einen eingebauten Plattenspieler. Für die anderen hat sich Reinhard, der im vergangenen Februar 80 Jahre alt wurde, die Mühe gemacht, alle seine Schallplatten zu digitalisieren. Mit Hilfe eines kleinen UKW-Senders, der innerhalb des Hauses zu empfangen ist, bringt er die passende Musik zu den alten Radios. Polka, Schlager und volkstümliche Klänge, die uns stellenweise ein bisschen an niederländische Piratensender erinnerten, sind hier genauso zu hören wie Marschmusik, die uns gleich zu Anfang in atemberaubender Lautstärke entgegenschmetterte.

Auch kulinarisch ließ sich Reinhard nicht lumpen. Extra für uns hatte er Waffeln gebacken, die wir zu den Klängen von „Schön ist es, auf der Welt zu sein“ und der „Sauerländer Polka“ verzehrten. Erfreulich ist, dass nahezu alle Exponate der Sammlung hautnah erlebt werden können. Die alten Röhrengeräte mit ihren lacierten Holzgehäusen, die bebenden, mit Netzstoff überzogenen Lautsprecher und die schönen, großen Drehknöpfe sind auch haptisch eine Wonne.

Kein Zimmer ohne Radio – im Haus von Reinhard (Foto: Thomas Kircher)

Neben alten Radios ist Reinhard auch im Besitz einiger Fernseher aus der Zeit, als dieses Medium noch in den Kinderschuhen steckte. Mit etwas Bastelarbeit bringen viele davon ihm auch heute noch das aktuelle Fernsehprogramm ins Haus, allerdings natürlich ganz stilecht in Schwarz/Weiß. Doch auch andere Medien zur Tonwiedergabe haben hier ihren Platz gefunden, wie etwa Grammophone oder ein Polyphon, ein mechanisches Musikinstrument aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert. Reinhard strotzt vor Planungen und neuer Ideen, so möchte er in diesem Jahr, zum 100. Geburtstag der ersten Radiosendung in Deutschland etwas ganz besonderes auf die Beine stellen.

Reinhards Radiomuseum ist einen Besuch wert! (Foto: Thomas Kircher)

Sicher hätten wir noch einiges mehr an Zeit in diesem Museum zubringen können, doch die Reservierung eines Tischs im Gasthof Dornseifer in Schmallenberg mahnte zum Aufbruch. Auch heute Abend war die Stimmung wieder gut, auch, weil sich abermals neue Leute eingefunden hatten.

 

Der „echte“ Lokalfunk

 

Am nächsten Morgen machten wir uns auf zu unserer letzten Studiobesichtigung an diesem Wochenende. Hierfür fuhren wir nach Brilon, beziehungsweise in dessen Ortsteil Scharfenberg, wo Markus Hiegemann die HochSauerlandWelle betreibt. Hierbei handelt es sich um eine der Bürgerfunkgruppen, die regelmäßig via Radio Sauerland senden. Dabei gibt es die HochSauerlandWelle, wenn man es genau nimmt, sogar schon länger als Radio Sauerland selbst oder überhaupt den NRW-Lokalfunk. Erste Sendungen unter diesem Namen produzierte Markus bereits 1986 auf Band. Als dann 1990 Radio Sauerland auf Sendung ging, war er von Anfang an mit dabei, ebenso wie Christoph Kloke, der unsere Runde heute komplettierte. Er hatte uns bei der Planung unserer Tour durch seine Heimatregion unterstützt und auch den Kontakt zur HochSauerlandWelle hergestellt.

Markus Hiegemann (rechts) im Gespräch mit Christoph Kloke (Foto: Thomas Kircher)

Im Jahr 2002 ging die HochSauerlandWelle erstmals im Bürgerfunk der Sauerland Welle in Meschede auf Sendung. Legendär war die von Eckhard Stoll im Herbst 2001 gestartete Sendung „Sauerland-Taxi“, ein buntes Magazin mit lokalen Themen, Unterhaltung und Veranstaltungshinweisen zum Wochenende. Dabei hatte Eckhard wirklich ein altes Mercedes Benz-Taxi. Mit der Reform des NRW-Bürgerfunks und der Abschaffung der Sendezeitenförderung am 31.12.2007 musste das Sauerland-Taxi trotz über 1.000 Unterschriften zum Erhalt der Sendung eingestellt werden. Mit der tiefgreifenden Reform wurden auch die 19-Uhr-Sendetermine auf Sonn- und Feiertage beschränkt, Sendezeiten an Werktagen auf 21 Uhr verlegt, weshalb die HochSauerlandWelle schließlich eigenständig wurde. Aushängeschild ist seit dem 6. Mai 2002 „Do biste platt“, die einzige Sendung in Nordrhein-Westfalen, die in Plattdeutscher Sprache gestaltet wird. Denn das Sauerland zählt bereits zum Niederdeutschen Sprachraum. Leider sind die örtlichen Dialekte, die sich teils von Ort zu Ort sehr stark unterscheiden, inzwischen beinahe ausgestorben. Die Rettung des „Siuerlänner Platt“ haben sich Markus und eine große Zahl an Platt sprechenden, zumeist älteren Menschen aus dem Sauerland zur Aufgabe gemacht. Und der Erfolg ihrer Sendung gibt ihnen Recht. Angefangen bei den Sauerländischen Altenheimen, in denen sich die Bewohner gemeinsam vor dem Radio versammeln, über Zuschriften von Hörern, die sich für den Empfang in weiter entfernten Gebieten extra eine Dachantenne installiert haben oder mit dem Auto auf den nächsten Berg fahren, bis hin zu den Kindern, die auch mal eine Stunde länger aufbleiben dürfen, wenn Opa und Oma im Radio sind, und dadurch wieder die Sprache hören und lernen, die ihren Eltern verloren gegangen war. Ihre Wurzeln hat die allwöchentlich ausgestrahlte Plattsendung in einzelnen Plattdeutschen Rubriken, die in der Anfangszeit von Radio Sauerland in dessen regulären Programm ausgestrahlt wurden. Da diese Aufgabe, ebenso wie die Vorstellung regionaler Musikgruppen, inzwischen die Hochsauerlandwelle übernommen hat, betrachtet Markus Sender wie die HochSauerlandWelle als den „echten“ Lokalfunk, da hier noch sehr viel Wert auf lokale Identität und Besonderheiten gelegt wird.

Markus Hiegemann auf Sendung (Foto: Thomas Kircher)

Neben „Do biste platt“ ist auch die Sendereihe „Hiegemann unterwegs“ fester Bestandteil des Programmangebots der Hochsauerlandwelle. In dieser Sendung besucht Markus für gewöhnlich Orte im Hochsauerland, spricht dort mit Menschen und macht Reportagen, doch für uns wich er vom üblichen Konzept der Sendung ab. Diesmal waren ja wir bei ihm zu Besuch und so ergriff Markus gleich die Gelegenheit, unsere Gruppe zum Interview zu bitten. Wir sprachen über unsere Liebe zum Radio und der Technik, die Aktivitäten von FMK im Allgemeinen und unsere Erlebnisse und Eindrücke aus den letzten Tagen im Sauerland im Besonderen. Die Sendung wurde am 14.05.2023 via Radio Sauerland ausgestrahlt und lässt sich unter diesem Link nachhören!

Daneben war auch jede Menge Zeit zum Fachsimpeln, über Frequenzen, Störungen (gerade im Raum Brilon hat Radio Sauerland mit Interferenzen aus den Niederlanden, der Rhön und dem Münsterland zu kämpfen), die Chancen und Möglichkeiten in der Anfangszeit des NRW-Lokalfunks (Christoph kam als Techniker zum Sender, wurde dann eines Tages als Reporter losgeschickt und entdeckte so das journalistische Arbeiten für sich), aber auch ein kleiner Abstecher in die Fernsehgeschichte war drin. Markus verfügt über eine beeindruckende Sammlung von Testbildern. Zum Abschied hatte Markus noch eine Überraschung für uns. Er hatte etwas in seinen Unterlagen gekramt und für jeden von uns einen Aufkleber aus der Anfangszeit von Radio Sauerland zu Tage gefördert.

Eigentlich hätten wir uns im Anschluss gern noch Brilon angesehen, doch das Wetter, dass sich heute ausnahmsweise von seiner schlechten Seite zeigte, machte uns leider einen Strich durch die Rechnung. Also fuhren wir direkt weiter, überquerten die Landesgrenze zu Hessen und kamen dort zu unserem nächsten Programmpunkt, der nun allerdings nichts mehr mit Radio zu tun hatte. In Willingen besuchten wir das dortige Brauhaus, wo uns in einer gut anderthalbstündigen Führung viel Wissenswertes über das Bier, das Brauhaus und das Sauerland vermittelt wurde.

Willinger Brauhaus (Foto: Thomas Kircher)

Neben der Besichtigung der Brauanlagen erfuhren wir, dass an keinem Ort in Deutschland so viel Bier getrunken wird, wie eben in Willingen, sozusagen dem Ballermann des Sauerlands. Jährlich kommen unzählige Touristen hier her, ein großer Teil eben auch, um sich die Kante zu geben. Was läge bei einem derartig hohen Bierverbrauch näher als ein eigenes Brauhaus? Diese Idee wurde 1988, wie könnte es anders sein, an einem Stammtisch geboren. Ein Gebäude war schnell gefunden, das alte Gymnasium der Stadt, das seit einigen Jahren leer stand. Und so bekam Willingen 1989 seine eigene Brauerei, deren Biere regelmäßig internationale Auszeichnung erhalten. Mit viel Witz wurden uns die Grundlagen des Bierbrauens, das Reinheitsgebot und die eine oder andere Anekdote aus der Stadtgeschichte Willingens vermittelt. Während heutzutage der Tourismus Jahr für Jahr eine Menge Geld in die Kassen der Stadt sprudeln lässt, war Willingen einstmals so arm, dass der Fürst von Waldeck seine Untertanen zu Spenden aufrief, die die verarmten Willinger vor dem Hungertod retten sollten. Insbesondere ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts setzte dann der Massentourismus ein und immer mehr Menschen fuhren jedes Jahr nach Willingen. Durch seine Lage ist die Stadt sowohl aus dem Rhein-Main-Gebiet, als auch aus dem Ballungsraum Rhein-Ruhr oder den Niederlanden in verhältnismäßig kurzer Zeit gut zu erreichen. Willingen lädt mit seiner exponierten Lage im Winter zum Skifahren, im Sommer zum Wandern und quasi ganzjährig zum Feiern ein. Doch der Status als Partyhotspot ist nicht für jeden ein Grund zur Freude. Das Stadtmarketing ist der vielen Betrunkenen, die sich Nacht für Nacht in die Hochheide übergeben, überdrüssig und versucht, Willingen langsam von seinem Ballermann-Image zu befreien.

Anschließend erhielten alle Teilnehmer der Führung noch einen kleinen Bierkrug zum Andenken, sowie zwei Getränkemarken, die wir sogleich in der an das Brauhaus angeschlossenen Gastronomie einlösen gingen. Dazu gab es eine zünftige Brotzeit. Und einen klitzekleinen Radiobezug gibt es dann doch. Jürgen Bangert, seines Zeichens Leiter der Unterhaltungsredaktion bei Radio NRW, war früher einmal Zapfer im Willinger Brauhaus.

Inzwischen hatte sich das Wetter wieder erheblich gebessert. Eigentlich hatten wir überlegt, noch einen kleinen Ausflug auf den Ettelsberg zu machen, mit seinem Aussichtsturm immerhin der höchste öffentlich zugängliche Punkt Nordwestdeutschlands. Doch leider war es zu spät geworden, die Seilbahn hatte für heute bereits ihren Betrieb eingestellt. Da wir aber noch etwas Zeit bis zum Abendessen hatten, fuhren wir noch auf den Kahlen Asten. Er gilt als das Dach Westfalens und stand von Anfang an auf unserer To-do-Liste. Und tatsächlich waren hier einige sehr interessante Empfänge möglich. Neben den obligatorischen Sendern aus Nordrhein-Westfalen, Hessen, Thüringen, Rheinland-Pfalz, Niedersachsen, Bayern und Sachsen-Anhalt (zum Brocken herrscht theoretisch Sichtverbindung) ließen sich unter anderem auch SR1 von der Göttelborner Höhe im Saarland, MDR Kultur aus Geyer bei Chemnitz, MDR Jump aus Wiederau bei Leipzig, Radio Regenbogen von der Hornisgrinde im Schwarzwald und SWR3 vom Raichberg auf der Schwäbischen Alb empfangen. Auch das Ausland war vertreten, so etwa der Sender Loutange bei Metz auf gleich zwei Frequenzen, der Sender Dudelange im Süden Luxemburgs mit dem Deutschen und dem Luxemburgischen Programm von RTL gleichermaßen, alle drei Sprachgemeinschaften Belgiens über die Standorte Lüttich und Singt-Pieters-Leeuw bei Brüssel, sowie die Niederländische NPO über den Sender Markelo, und das alles nur mit einer Teleskopantenne. Die neuen Wunderempfänger mit dem Chip TEF6686, die seit Ende letzten Jahres unter Europäischen DXern in aller Munde sind, machten es möglich. Mit einer Richtantenne, die Jens Ullrich mitgebracht hatte, war ferner noch der Empfang von Stationen wie Bremen 1 auf 93,8 oder Antenne 1 auf 101,3 vom Stuttgarter Frauenkopf möglich.

Bei diesem faszinierenden Empfang musste man aufpassen, nicht die Zeit und den eigenen Körper zu vergessen. So machten wir uns nach einigen Stunden mit beinahe steifgefrorenen Händen und gerade noch rechtzeitig auf den Weg zum Essen. Für den letzten Abend hatten wir nochmals im Restaurant Stoffels reserviert. Dort hatte es uns am ersten Abend gut gefallen, so dass wir gern wiederkamen und in fröhlicher Runde die vergangenen Tage noch einmal Revue passieren ließen.

 

Vom Schwabenland zur Waterkant

Der Kahle Asten in 842 Metern Höhe (Foto: Thomas Kircher)

Am nächsten Morgen stand unsere Abreise bevor. Einige Teilnehmer unserer Sauerland-Tour hatten uns bereits verlassen, doch die, die noch da waren, wollten den heutigen Tag noch einmal nutzen. Und so machten wir uns abermals auf zum Kahlen Asten. Nachdem wir uns gestern bereits einen Überblick verschaffen konnten, ging es heute ans Eingemachte. Die Stelle, an der gestern mit der Teleskopantenne der Empfang aus Flandern möglich gewesen war, rief danach, mit größerem Gerät untersucht zu werden. Und tatsächlich waren dort bemerkenswerte Empfänge möglich, wie etwa VRT Klara aus Schoten in der Nähe von Antwerpen an der belgischen Nordseeküste, der auf 96,4 MHz mit nur drei KW eine Entfernung von 277 Kilometern überbrückte. Für allgemeine Erheiterung sorgte ein niederländischer Piratensender auf 108 MHz mit Schlagern. Vorteil bei der Jagd nach Signalen aus Benelux war, dass die dortigen Sender vertikal polarisiert sind, während die Deutschen mehrheitlich in horizontaler Polarisation senden. Es war also recht gut möglich, störende Sender aus Deutschland zugunsten der Belgier und Niederländer abzuschwächen.

Auch die anderen Hänge brachten Überraschungen mit sich. So ließ sich beispielsweise am Südwesthang der Sender Teutoburger Wald auf 97,0 MHz ausblenden und RTL aus dem Luxemburgischen Hosingen wurde hörbar. In Richtung Norden überraschten eher kleine Sender. So war etwa Radio Osnabrück auf 98,2 beinahe rauschfrei zu empfangen.

Auch der Empfang auf DAB+ konnte sich sehen lassen. So waren neben den zuständigen Multiplexen für ganz Deutschland und NRW auch Programme aus Hessen, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Thüringen und der Wallonie empfangbar. Unterstützt wurden wir bei unseren Empfangsversuchen auch von Chet Reuter, der eine 16-Element-Antenne für DAB+ mitbrachte. Neben ihm, der sich in der ostbelgischen Radioszene der 80er Jahre einen Namen gemacht hatte, beehrte uns an diesem Tag auch noch Mr. Crocodile. Auch er war einst im belgischen Äther zugange, doch auch im Sauerland, wo er mit seinem Piratensender Radio Paradise Bekanntheit erlangte.

Gegen 15:00 Uhr machten sich auch die letzten FMKler wieder auf den Heimweg, im Gepäck neben den auf der Tour erhaltenen Andenken auch jede Menge neue Eindrücke, interessante Gespräche, gute Stimmung und Freude, andere Hobbyfreunde entweder wieder oder zum ersten Mal gesehen zu haben. Die FMK-Tour durch das Sauerland war ein hervorragender Auftakt nach den Corona-Jahren und machte bei allen Beteiligten Lust auf die nächsten Radio-Ausflüge.

Epilog

 

14.05.2023, 20:53 Uhr. Ich sitze in Marburg am Tisch, vor mir der TEF6686, eingestellt ist die 106,5. Der Sender Bollerberg bringt mir Radio Sauerland mit dem Bürgerfunk ins Haus. Markus hat eine schöne, kurzweilige Sendung über FMK produziert und verabschiedet sich soeben von seinen Hörern. Und jetzt Musik: die ersten Takte von „Sauerland“ erklingen, jener ultimativen Hymne, die der gleichnamigen Region einst von der Gruppe „Zoff“ gewidmet wurde. Ich nehme einen tiefen Schluck aus dem Willinger Krug und drehe das Radio laut auf. Mann, war das ein großartiges Wochenende, woll?

 

Autor: Till Zipprich

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