Walter Kurt Schilffarth
Vom Ferienradio am Gardasee bis zur Augsburger Medienlandschaft
Thomas Kircher und Swen Kuboth von FM Kompakt im Gespräch mit dem Augsburger Medien-Pionier Walter Kurt Schilffarth
Herr Schilffarth, wie kamen Sie dazu, als Augsburger am Gardasee Radio zu machen?
Das war eigentlich eine Art Jugendsünde. Wir hatten 1964 mit der „Neuen Presse“ begonnen, nachdem ich zuvor vier Jahre Redakteur bei der „Augsburger Allgemeinen“ gewesen war. Durch einen Radiokollegen aus München erfuhr ich zufällig, dass man in Italien Privatradio machen konnte. Er kannte jemanden, der eine Frequenz am Gardasee besaß und verkaufen wollte. Also bin ich hingefahren, habe mir das angesehen, und an einem Wochenende war alles besprochen.
Allerdings hatten wir die italienische Bürokratie unterschätzt. Gleichzeitig reizte mich die Vorstellung, als Zeitungsmacher einmal Radio zu machen. Ich war bereits freier Mitarbeiter beim Bayerischen Rundfunk und hatte am „Schwabenspiegel“ mitgearbeitet. Für uns als Verlag war das eine spannende Erweiterung.

Walter Kurt Schilffarth im Interview mit Thomas Kircher (FM Kompakt) und Swen Kuboth
Wie entstand daraus Radio Garda 3?
Unser Konzept war ein Ferienradio, das von Ostern bis September sendete. Zunächst mussten wir überhaupt ein Studio finden. Das erste war eher ein Küchenstudio, technisch sehr einfach. Wir investierten dann erheblich in die Ausstattung und stellten schnell fest, dass eine einzige Frequenz am Gardasee nicht ausreichte. Die Topografie ist schwierig, Wetterlagen beeinflussen die Ausstrahlung stark.
Dennoch war die Anfangszeit unglaublich spannend. Zu Ostern starteten wir offiziell, verteilten bei einem Radrennen T-Shirts mit dem Logo von Radio Garda 3 und machten uns als erster deutschsprachiger Feriensender am Gardasee einen Namen. Über Hotels, Flyer und Mundpropaganda kamen wir rasch in den Markt.
Was machte den Sender besonders erfolgreich?
Wir haben früh erkannt, dass Serviceangebote entscheidend sind. Besonders wichtig war die sogenannte „Ora“, der berühmte Südwind am Gardasee. Für die Surfer war es entscheidend zu wissen, wann dieser Wind einsetzt. Wir kündigten im Programm an, wann die Ora zu erwarten war. Daraufhin konnte man beobachten, wie auf den Campingplätzen plötzlich alle mit ihren Surfbrettern Richtung Wasser aufbrachen.
Dadurch wurden auch Werbekunden auf uns aufmerksam. Ein besonders wichtiges Beispiel war Audi. Damals galt Audi noch nicht als sportliche Marke. Ein Marketingvorstand besuchte den Gardasee und war zunächst skeptisch, ob unser Sender überhaupt Wirkung entfalten könne. Ich nahm ihn mit über die Campingplätze, wir hörten gemeinsam Radio Garda 3 – und genau in diesem Moment kam die Ora-Durchsage. Er sah unmittelbar, welche Reaktion das auslöste. Danach erhielten wir einen Werbeauftrag über drei Jahre, der jedes Jahr ausgeweitet wurde.
Welche Werbekunden hatten Sie damals?
Audi war unser wichtigster Kunde. Dazu kamen die Nürnberger Brauerei und Foto Quelle. Mit wenigen großen Sponsoren konnten wir wirtschaftlich gut arbeiten. Schwieriger waren kleinere italienische Kunden wie Restaurants oder Sportgeschäfte. Dort war die Zahlungsmoral oft problematisch. Häufig waren die Betriebe am Saisonende bereits geschlossen oder hatten den Besitzer gewechselt.
Wie sah Ihr Alltag in dieser Zeit aus?
Heute würde man sagen: Das war enormer Stress. Fast jedes Wochenende fuhr ich von Augsburg an den Gardasee. Schon auf der Fahrt hörte ich ab Bozen, ob unser Signal noch sauber empfangen werden konnte. Wir sendeten rund um die Uhr, mit viel Musik, teilweise sogar Klassik. Gerade bei italienischen Hörern war unser Programm beliebt, weil es wenig Moderation und viel Musik gab.
Sie hatten auch prominente Gäste im Programm. Wer war dabei?
Auf der ISPO-Messe in München traf ich regelmäßig bekannte Persönlichkeiten. Dort interviewte ich unter anderem Surfstars wie Robby Naish, aber auch Prominente wie Roberto Blanco oder Dieter Hildebrandt. Zugegeben: Wir haben manchmal etwas getrickst. Im Radio klang es so, als säßen die Gäste gerade bei uns im Studio am Gardasee, obwohl die Interviews oft auf der Messe in München aufgezeichnet worden waren.
Auch Roy Black war häufig bei uns zu Gast. Mit ihm verband mich eine enge Freundschaft. Er besuchte uns mehrfach im Studio und moderierte sogar gemeinsam mit meiner Tochter Anja eine Sendung.
Von wann bis wann war Radio Garda 3 auf Sendung?
Das war von 1985 bis 1987. Danach begann für mich die nächste große Herausforderung: Radio Kö in Augsburg.
Der Einstieg in den privaten Hörfunk in Augsburg
Wie kam es zum Engagement bei Radio Kö?
Ich gehörte zu den Gründern von Radio Kö. Damals brauchte man in dieser Branche vor allem eines: eine große Portion Naivität und das Prinzip Hoffnung. Anfangs dachte ich sogar, man könnte Radio Kö und Radio Garda 3 im Sommer miteinander verknüpfen. Das erwies sich aber als unrealistisch. Radio Kö musste lokal sein und hatte völlig andere Anforderungen.
Gleichzeitig führte ich weiterhin meinen Verlag, war Verleger, Chefredakteur und Herausgeber in Personalunion. Irgendwann wurde klar, dass beides parallel nicht dauerhaft möglich war.
Wie entwickelte sich Radio Kö wirtschaftlich?
Die wirtschaftliche Situation war schwierig. Ursprünglich war geplant, nur einen lokalen Augsburger Sender zu etablieren. Am Ende wurden jedoch drei Anbieter zugelassen. Damit verschlechterten sich die Marktbedingungen erheblich.
Wir boten Werbezeiten für fünf Mark an und erhielten effektiv oft nur einen Bruchteil davon. Die Verluste waren beträchtlich. Es entstanden immer neue Gesellschaftsstrukturen, neue Gesellschafter kamen hinzu. Ich selbst habe in dieser Zeit viel Geld investiert und verloren.
Trotzdem war Radio Kö zunächst erfolgreich, oder?
Ja, durchaus. Mit der Frequenz 87,9 hatten wir eine hervorragende Position auf der Skala. Bei der ersten Hörerumfrage waren wir sogar Marktführer in einer wichtigen Zielgruppe. Für die Konkurrenz war das eine Überraschung.
Allerdings begann anschließend ein regelrechter Wettbewerb um Mitarbeiter. Andere Sender warben unsere Leute mit höheren Gehältern ab. Dadurch verloren wir kontinuierlich erfahrene Kräfte.
Wie endete die Geschichte von Radio Kö?
Schließlich kam ein Angebot der Rock Antenne beziehungsweise des Markwort-Verlags. Die Rock Antenne verfügte damals noch nicht über eine eigene terrestrische Frequenz. Unsere Frequenz 87,9 war für sie äußerst attraktiv.
Letztlich wurde eine Lösung gefunden, bei der die Frequenz an die Rock Antenne überging. Unsere Verluste wurden ausgeglichen und die technische Ausstattung übernommen. Für uns war das ein sauberer Ausstieg.
Ich habe das später einmal mit einem Boot verglichen: Der Kauf eines Bootes ist ein wunderschöner Moment – und der Verkauf oft ein noch schönerer. So war es auch mit Radio Kö.
Die Anfänge der Neuen Presse
Wie sind Sie überhaupt ins Verlagsgeschäft eingestiegen?
Nach vier Jahren bei der Augsburger Allgemeinen hörte ich immer wieder den Wunsch nach einer zweiten Zeitung in Augsburg. Viele Menschen fanden die Allgemeine gut, wollten aber eine zusätzliche Stimme und Perspektive.
Also beschlossen wir, zunächst mit einer Wochenzeitung zu beginnen. Die Idee entstand auch deshalb, weil ich zuvor bei einer satirischen Faschingszeitung mitgewirkt hatte und gesehen hatte, wie vergleichsweise unkompliziert man damals eine Zeitung produzieren konnte.
Wie entstand daraus die Neue Presse?
Zunächst erschien die „Augsburger Sonntagszeitung“. Im Rahmen eines Oberbürgermeisterwahlkampfs wurde sie von der CSU unterstützt. Nach der Wahl wollten wir jedoch redaktionell unabhängig arbeiten. Deshalb trennten wir uns von der Partei und gründeten die „Schwäbische Neue Presse“.
Besonders wichtig waren unsere Zeitungskästen im Stadtgebiet. Wir starteten mit zehn Kästen und bauten das Netz schließlich auf rund 100 Standorte aus. Dadurch erreichten wir eine Auflage von fast 40.000 Exemplaren.
Wie entwickelte sich der Verlag weiter?
Später verkauften wir die Neue Presse an die Abendzeitung aus München, die damals eine Augsburger Ausgabe plante. Das Projekt hielt allerdings nur etwa ein Jahr. Danach konzentrierten wir uns auf andere Titel wie das Augsburg Journal und die Stadtzeitung.
Heute erscheinen ähnliche Produkte weiterhin im Verlag, allerdings unter anderen Rahmenbedingungen. Die kostenlosen Zeitungskästen von damals sind nicht mehr möglich. Stattdessen arbeiten wir mit Verteilstationen und Kooperationen, etwa mit den Verkehrsbetrieben.
Gab es später noch einmal die Versuchung, in den Radiomarkt zurückzukehren?
Nein. Nach diesen Erfahrungen hatte ich keine große Lust mehr auf neue Radioabenteuer. Der Markt war längst gesättigt. Fernsehen wäre theoretisch noch eine Option gewesen, aber die Investitionen wären enorm gewesen. Deshalb habe ich mich auf das Verlagsgeschäft konzentriert.
Herr Schilffarth, vielen Dank für das Gespräch

Treffen der Radiopioniere in Augsburg im Herbst 2024 © Augsburg Journal
(v.li.) Thomas Kircher/FM Kompakt, „Pop-Papst“ Werner G. Lengenfelder (früher rt.1, Radio Kö und jetzt mdr), Medien-Pionier Kurt Walter Schilffarth, Stephan Munder (radioWOCHE), Anja Marks-Schilffarth (Chefredakteurin Mediengruppe Pressedruck/Augsburger Allgemeine), Jürgen von Wedel (Radio Bavaria International), Stefan Schwabeneder (Kö, Bayern 3, Antenne Bayern, heute Oldie Antenne), Swen Kuboth (u.a. Hitradio X) und Christian Graf (Radio 2DAY München)
Thomas Kircher - www.fmkompakt.de
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