Stefan Schwabeneder
„Radio ist Kino im Kopf“ – über Piratensender, Programmmarken und die Zukunft eines Mediums
Stefan Schwabeneder gehört zu den prägenden Radiomachern im deutschsprachigen Raum. Seine Laufbahn begann als jugendlicher Piratensender-Betreiber in Augsburg, führte ihn über Radio Fantasy, Radio Gong und Ö3 bis in Führungspositionen bei Klassik Radio, Antenne Bayern und heute zur Oldie Antenne. Im Gespräch blickt er auf seine Karriere zurück, spricht über die Magie des Radios und erklärt, warum Personality auch im KI-Zeitalter unverzichtbar bleibt.

Das Gespräch mit Stefan Schwabeneder führten Swen Kuboth, Stephan Munder (radioWOCHE) und Christian Graf im Herbst 2024
Wie kommt man mit nicht einmal 18 Jahren auf die Idee, bei Radio Fantasy einzusteigen – und das auch noch zu schaffen?
Eigentlich war Radio für mich schon als Kind eine große Leidenschaft. Ich war elf oder zwölf Jahre alt, als mich die ersten Privatsender fasziniert haben: Radio Brenner International, Radio C oder Radio M1. Gleichzeitig hörten wir in Augsburg natürlich AFN, das für viele von uns ein echtes Vorbild war.
Während meiner Internatszeit in Regensburg konnte ich diese Sender plötzlich nicht mehr empfangen. Das fühlte sich an wie ein Entzug. Ich begann deshalb, mich intensiv mit Funktechnik zu beschäftigen. Ein Schulkamerad baute mir schließlich einen kleinen Sender, und ich startete meinen eigenen Piratensender: „Radio Disco Papa“.
Mit zwei umgebauten Plattenspielern und jeder Menge selbst gekaufter Schallplatten sendete ich tatsächlich ein eigenes Programm. Rückblickend war das wohl die erste praktische Ausbildung zum Radiomacher.
Wie entstand daraus schließlich Radio Fantasy?
Über die ersten Kabelpilotprojekte lernte ich Uli Kubak kennen. Wir verstanden uns sofort, weil wir ähnliche Vorstellungen von modernem Radio hatten. Eines Tages fragte er mich, ob ich bei seinem geplanten Radiosender mitmachen wolle. Natürlich sagte ich sofort zu.
Als Radio Fantasy am 21. März 1987 auf Sendung ging, durfte ich die allererste Moderation sprechen. Dass unser Sendefenster damals bereits um 13.30 Uhr begann, hatte übrigens einen einfachen Grund: Ich war noch Schüler und sollte nach dem Unterricht moderieren können.
Fantasy’s Finest wurde später bundesweit ausgestrahlt. Wie entstand dieses Projekt?
Ursprünglich war das einfach unsere lokale Hitparade bei Radio Fantasy. Ich moderierte samstags die „Fantasy’s Finest Top 25“. Irgendwann entstand die Idee, das Format auch anderen Sendern anzubieten.
Mit einem Sponsor – Nescafé war der erste – konnten wir die Produktion professionalisieren. Die Sendung wurde schließlich von zahlreichen Lokalradios übernommen, teilweise bis nach Mecklenburg-Vorpommern. Dass der Name „Fantasy“ dabei bundesweit funktionierte, war sicherlich ein glücklicher Umstand.
Wie gelang dir der Sprung von Augsburg zum ORF und zu Ö3?
Nach meiner Zeit bei Radio Fantasy arbeitete ich parallel bei Radio Gong in München. Dort lernte ich unter anderem Michael „Bully“ Herbig, Rick Kavanian und Oliver Baier kennen.
Als Oliver Baier später zu Ö3 wechselte, fragte man mich, ob ich als Produzent mit nach Wien kommen wolle. Zunächst zögerte ich, aber letztlich war das eine Chance, die man nicht ausschlägt. Wenn der FC Bayern anruft, sagt man schließlich auch nicht Nein.
Bei Ö3 arbeitete ich fünf Jahre lang in den Bereichen Comedy, Produktion und Kreativentwicklung. Moderieren konnte ich dort aufgrund meines deutschen Akzents nicht, aber die Comedy-Figuren funktionierten problemlos.
Viele Hörer erinnern sich bis heute an die „Kanzlei Bienenstich“ im Fantasy-Frühstücksradio. Wie entstand diese Kultserie?
Das war tatsächlich eine meiner Lieblingsfiguren. Gemeinsam mit Alexander Wohlrab entwickelten wir die Idee eines leicht skurrilen Chefs, der seine Mitarbeiterinnen regelmäßig mit schlechten Witzen beglückte.
Der große Vorteil: Das Setting war immer gleich und ließ sich schnell produzieren. Im täglichen Radiobetrieb ist das wichtig. Alex Wohlrab war ein hervorragender Texter und Pointenschreiber. Ich selbst habe eher die Figuren und Klangwelten entwickelt. Diese Kombination hat hervorragend funktioniert.
Ein weiterer Running Gag war die berühmte „Ampelanlage in Etterschlag“. Wie kam es dazu?
Damals war die Ampel in Etterschlag ein notorischer Staupunkt im Verkehrsservice. Irgendwann begannen wir, die Meldung immer dramatischer anzukündigen. Aus „Ampelanlage in Etterschlag“ wurde schließlich ein regelrechter Schlachtruf.
Der Höhepunkt war eine gemeinsame Fahrradtour mit Hörern zu genau dieser Ampel. Das war völlig absurd – und gerade deshalb erfolgreich.
Du warst später Programmdirektor bei Klassik Radio. War das nicht ein radikaler Wechsel vom Hitradio?
Auf den ersten Blick vielleicht. Tatsächlich funktioniert Radio aber überall nach denselben Grundprinzipien. Es geht immer darum, eine emotionale Heimat zu schaffen.
Meine Aufgabe war nicht, Musikexperte für Klassik zu sein. Dafür gibt es Musikredakteure. Mich interessierte vielmehr die Frage: Wie muss ein Sender klingen, damit sich Menschen wohlfühlen? Wie schafft man eine Atmosphäre, in die man gerne zurückkehrt?
Diesen Ansatz haben wir bei Klassik Radio konsequent verfolgt – unter anderem durch Filmmusik und moderne Klassik, die das Programm zugänglicher machten.
Danach folgte erneut ein Wechsel – diesmal zum Bayerischen Rundfunk.
Ja, das war tatsächlich ein ungewöhnlicher Weg. Auf einer Branchenveranstaltung traf ich einen ehemaligen Kollegen von Ö3. Er stellte mich Walter Schmich, dem damaligen Chef von Bayern 3, vor. Bayern 3 suchte jemanden für die Comedy-Entwicklung.
Wenig später wechselte ich zurück nach München und verantwortete dort unter anderem die Comedy sowie verschiedene Programmprojekte.
Was fasziniert dich bis heute am Radio?
Für mich sind es die Hörerinnen und Hörer. Besonders bewegend sind Rückmeldungen von Menschen, die sagen: „Eure Sendung hat mir durch eine schwierige Zeit geholfen.“
Genau das ist die eigentliche Kraft des Radios. Radio schafft Bilder im Kopf. Es eröffnet Welten. Man hört eine Stimme, eine Geschichte, ein Lied – und sofort entsteht eine Atmosphäre. Das kann kein anderes Medium in derselben Form.
Deshalb sage ich immer: Radio ist Kino im Kopf.

Wo siehst du das Radio in zehn Jahren?
Radio wird weiterhin am Küchentisch, im Auto oder im Badezimmer stattfinden. Die technische Form wird sich verändern, die emotionale Funktion aber nicht.
Ich kann mir vorstellen, dass Radio interaktiver wird. Künstliche Intelligenz wird individuelle Programme ermöglichen. Trotzdem bleibt der entscheidende Faktor die menschliche Komponente.
Audio wird auch künftig Inspiration, Projektionsfläche und Begleiter im Alltag sein. Musik allein kann Spotify liefern. Radio entsteht erst durch die Verbindung von Musik, Persönlichkeit und Atmosphäre.
Was fehlt dir beim heutigen Radio?
Vor allem Mut. Mehr Mut zu Persönlichkeiten, mehr Mut zu kreativen Ideen und mehr Mut, gelegentlich außerhalb bestehender Formatgrenzen zu denken.
Viele Sender orientieren sich heute sehr stark an Studien und Messwerten. Das ist verständlich. Gleichzeitig darf man nicht vergessen, dass Innovation oft dort entsteht, wo man Neues ausprobiert.
Die spannendere Frage lautet nicht: „Was wollen die Hörer?“ Sondern: „Was brauchen die Hörer?“
Welche Rolle spielen Special-Interest-Angebote dabei?
Eine sehr große. Die breite Masse wird immer schwieriger zu erreichen sein. Dafür gewinnen spezialisierte Angebote an Bedeutung.
Die Oldie Antenne ist ein gutes Beispiel dafür. Menschen suchen Orientierung und Zugehörigkeit. Wenn ein Sender authentisch ist und eine klare Identität besitzt, dann findet er auch sein Publikum.
Wo siehst du dich persönlich in zehn Jahren?
Ganz ehrlich: Ich hoffe weiterhin beim Radio. Dieses Medium fasziniert mich bis heute. Und ich stelle fest, dass auch junge Menschen wieder Interesse daran entwickeln.
Viele denken gar nicht mehr in Kategorien wie „70er“, „80er“ oder „90er“. Sie fragen schlicht: Gefällt mir die Musik oder nicht? Das eröffnet spannende Chancen für Programme wie die Oldie Antenne.
In Italien ist Visual Radio längst etabliert. Könnte das auch in Deutschland funktionieren?
Grundsätzlich ja. Allerdings gibt es in Deutschland andere Marktstrukturen und rechtliche Rahmenbedingungen. Nationale Radiomarken sind hier deutlich seltener als etwa in Italien oder Österreich.
Mit der zunehmenden Digitalisierung entstehen jedoch neue Möglichkeiten. Vielleicht wird Visual Radio künftig nicht mehr nur aus Kamerabildern bestehen, sondern durch KI um zusätzliche visuelle Ebenen erweitert werden.
Zum Abschluss: Kann Radio gegen Streaming-Plattformen bestehen?
Streaming bietet Auswahl. Radio bietet Persönlichkeit, Einordnung und Überraschung. Genau das macht den Unterschied – und wird Radio auch künftig relevant halten.
FM Kompakt: Stefan, vielen Dank für das Gespräch. Stefan Schwabeneder ist derzeit bei der Oldie Antenne zu hören, die deutschlandweit über DAB+ empfangbar ist.
Thomas Kircher/FMK
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